„Ein Bürger ist nicht, wer bloß in der Gesellschaft lebt, ein Bürger ist, wer sie ändert.” Augusto Boal

Interview: Thomas Keindorf - CDU

Thomas Keindorf - CDU

Wie lange leben sie schon in Sachsen-Anhalt?

Hier in Halle bin ich geboren. Seitdem lebe ich im Süden der Stadt, denn hier fühle ich mich wohl.

Welche Ausbildung haben Sie?

Nach zehn Jahren auf der Polytechnischen Oberschule "POS Diesterweg" habe ich eine dreijährige Berufsausbildung mit Abitur zum Maschinen- und Anlagenmonteur im ehemaligen "VEB Pumpenwerke Halle" (heute KSB) gemacht. Mit der anschließenden Umschulung zum Schornsteinfeger habe ich den Grundstein für meine Selbstständigkeit gelegt. 1980 konnte ich eine Erwachsenenqualifizierung im Schornsteinfeger-Handwerk erfolgreich abschließen.

Nach meiner Meisterausbildung studierte ich Ingenieurpädagogik in Chemnitz. Bis heute arbeite ich im Süden von Halle als selbstständiger Bezirksschornsteinfegermeister in einem eigenen Kehrbezirk.

Was ist Ihr Antrieb, politisch aktiv zu sein?

Durch meine langjährige ehrenamtliche Tätigkeit im Handwerk bin ich zu der Überzeugung gelangt: Meckern allein hilft nicht. Man muss handeln. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen für den Landtag zu kandidieren.

Was glauben Sie, ist das dringendste Problem, das unser Bundesland heutzutage betrifft und wie kann es gelöst werden?

Der demografische Wandel ist ein großes Problem. Wenn es bei uns keine Arbeit gibt, zieht die Jugend weg. Wir müssen die jungen Fachkräfte zurück ins Land holen und die negative Wanderung stoppen. Dazu brauchen wir attraktive und familienfreundliche Angebote, insbesondere für Frauen, und mehr Arbeitsplätze. Diese entstehen im Mittelstand.

Außerdem, auch mit Mitte 50 muss ich wieder Aussicht auf einen gut bezahlten Job haben. Dynamik und Erfahrung gehören für mich zusammen. Unser Land muss seinen Platz in der Mitte Deutschlands weiter ausbauen - als Wirtschaftsstandort ebenso wie als Tourismusregion. Unser Land braucht eine gesunde Mischung zwischen Jung und Alt.

Wie beurteilen sie die Aktion "Sachsen-Anhalt - Land der Frühaufsteher" und glauben sie, dass diese Kampagne positive Effekte gehabt hat?

Wir Handwerker stehen ohnehin früher auf. Für uns ist das kein Thema, wir identifizieren uns mit unserer Heimat. Durch meine Reisen im Land weiß ich, das die Kampagne ein Erfolg für Sachsen-Anhalt ist.

Was kann man gegen die niedrige Wahlbeteiligung in Sachsen-Anhalt machen?

Politik muss ehrlicher werden. Die Politik und Parteien müssen sich mit den Sachthemen und den Sorgen der Menschen beschäftigen und nicht mit Grabenkämpfen. Politik muss transparenter werden. Jeder ist für sein Handeln selbst verantwortlich. Wir brauchen Lösungen statt Versprechungen. Politik muss bürgernah werden. Von den Entscheidungen am grünen Tisch sind die Bürgerinnen und Bürger betroffen. Sie dürfen nicht länger ausgegrenzt werden. Politik muss wirtschaftsfreundlicher werden. Der Mittelstand schafft die Arbeits- und Ausbildungsplätze, die dringend benötigt werden.

Ich bin überzeugt, die Menschen gehen wieder mehr zur Wahl, wenn sie ihre Interessen besser wahrgenommen sehen. Wir müssen weg vom "Es passiert ja doch nichts"-Glauben.

Wie schätzen Sie die wirtschaftliche Lage ein?

Sachsen-Anhalt ist ein dynamisches Bundesland und das muss es in Zukunft auch bleiben. Für das Handwerk im Süden ist das vergangene Jahr eher gut verlaufen. Ich bin optimistisch, dass sich dieser positive Trend 2011 weiter fortsetzen wird. Dazu sind klare Verhältnisse im Land notwendig. Experimente kann der Mittelstand nicht gebrauchen, erst recht nicht so kurz nach der Krise.

Welches aktuell im Land laufende Projekt würden sie gerne beschleunigt sehen und warum gerade dieses?

Die Qualifizierung von Lehrerinnen und Lehrern im Fach Wirtschaft ist mir ein wichtiges Anliegen. Dazu werden die gewerblichen Kammern in Sachsen-Anhalt die Professur für Wirtschaft und ihre Didaktik an der Universität Magdeburg stiften. Das ist ein Anfang.

Es muss gelingen, den Unterricht an Schulen praxisnäher zu gestalten. Die oftmals hohe Schwelle auf dem Weg von der Schule in den Betrieb kann so gesenkt werden.

Welches ist ihr wichtigstes persönliches Ziel, das sie umsetzen wollen, wenn sie ein Mandat für den Landtag erhalten?

Es ist mein persönliches Anliegen, vielen jungen Menschen durch eine hochwertige Ausbildung Zukunftsperspektiven in Sachsen-Anhalt zu verschaffen. Ich will es nicht hinnehmen, dass in Halle 16% der Schüler ohne Hauptschulabschluss bleiben.

Eine Möglichkeit zur Verbesserung der aktuellen Situation sehe ich in der stärkeren Kooperation zwischen Kindergärten, Schulen, Hochschulen, Unternehmen und Forschungseinrichtungen. Hier müssen Hindernisse abgebaut und Projekte stärker als bisher gefördert werden, von der frühkindlichen Bildung in den KITAs bis hin zur Spitzenforschung. Außerdem dürfen wir nicht vor dem demografischen Wandel davonlaufen. Ich werde mich den Herausforderungen stellen.

Hat sich ihr Blick auf das bürgerliche Engagement nach den Ereignissen um den Bau des Stuttgarter Bahnhofes ("Stuttgart 21") geändert?

Bürgerschaftliches Engagement setze ich mit Ehrenamt gleich. Ich halte sehr viel vom freiwilligen Engagement. Das Handwerk lebt davon. Außerdem wäre ein Leben, wie wir es im Stadtteil kennen ohne die freiwillig Engagierten nicht möglich. Das gilt auch im Handwerk. Ihnen allen gehört meine Wertschätzung. Was bei dem Projekt "Stuttgart 21" auf beiden Seiten passiert ist finde ich nicht in Ordnung. Es ist schlimm wie die Politik mit den Menschen dort umgeht, unabhängig davon, welche Meinung sie vertreten.

© 2004 – 2021 halle-waehlt.de