„Ein Bürger ist nicht, wer bloß in der Gesellschaft lebt, ein Bürger ist, wer sie ändert.” Augusto Boal

Interview: Swen Knöchel - Die Linke

Swen Knöchel - Die Linke

Wie lange leben Sie schon in Sachsen-Anhalt?

Ich wurde 1973 in Halle geboren und lebe seit dem hier.

Welche Ausbildung haben Sie?

Nach der 10. Klasse habe ich zunächst in BUNA MSR-Techniker gelernt. Dem schloss sich eine zweite Ausbildung beim Finanzamt an, wo ich seit 1993 arbeite. Danach habe ich verschiedene Fort- und Weiterbildungen besucht. Zur Zeit studiere ich an der Fachhochschule für Finanzen in Königs Wusterhausen.

Was ist Ihr Antrieb, politisch aktiv zu sein?

Begonnen mich politisch zu engagieren habe ich zur Wendezeit 1990, es war eine Zeit des Umbruchs, die ich als interessant und spannend erlebt habe. Zur damaligen PDS ging ich, weil ich dort Menschen erlebt habe, die über die Zukunft nachdachten ohne zu behaupten, in der Vergangenheit alles schon gewusst und vorhergesehen zu haben.

Ja und es ist auch Kritik an den gegenwärtigen Verhältnissen, die mich antreibt politisch aktiv zu bleiben, eine Gesellschaft, die dauerhaft Armut und wachsende Ungleichheit hinnimmt, birgt enorme Risiken für die Zukunft.

Was glauben Sie, ist das dringendste Problem, das unser Bundesland heutzutage betrifft und wie kann es gelöst werden?

Ich denke die größte Herausforderung vor der die Landespolitik in Sachsen-Anhalt steht, ist das weitere Auseinanderdriften der Gesellschaft zu verhindern. Dies ist sowohl beim Zugang zur Bildung und beim Bildungserfolg, bei den Arbeitsplätzen und dort vor allem beim Lohngefälle durch den sich etablierenden Niedriglohnsektor, bei den Renten und der drohenden Altersarmut der Fall. Aber auch im Verhältnis von Stadt und Land von Gemeinden zu Landkreisen nehmen die Unterschiede zu. Die Landespolitik muss Voraussetzungen dafür schaffen, dass Niemand abgehängt wird, kein Mensch und keine Region.

Wie beurteilen Sie die Aktion "Sachsen-Anhalt - Land der Frühaufsteher" und glauben Sie, dass diese Kampagne positive Effekte gehabt hat?

Es handelte sich dabei um eine Kampagne, deren Ziel es war Sachsen-Anhalt bekannter zu machen und mit einem positiven Image zu belegen. Die Kampagne scheint mir teilweise erfolgreich, konnten früher "Auswärtige" wenig mit dem Bindestrichland Sachsen-Anhalt  anfangen, so hört man heute die Leute meistens lachend sagen "ach ja die Frühaufsteher".

Problematisch wird es dann, wenn man die Dauer einer Kampagne überzieht, so wurde aus dem tatsächlich erzielten Aufmerksamkeitseffekt mit der Dauer ein Lacheffekt. Man hätte an der richtigen Stelle der Kampagne die gewonnene Aufmerksamkeit nutzen müssen, um weitere und wichtigere positive Merkmale unseres Landes herauszustellen. So bleibt als Resümee der Kampagne: gut, aber ziellos gestartet und die Landung verpasst.

Was kann man gegen die niedrige Wahlbeteiligung in Sachsen-Anhalt machen?

Politik versucht heute vielfach ihr Handeln mit Sachzwängen oder mit dem Unwort "alternativlos" zu erklären. Dabei wird der Eindruck erweckt, es sei letztlich egal wer in Sachsen-Anhalt regiert, "die müssen doch das Gleiche tun". Das führt natürlich auch bei den Bürgerinnen und Bürgern zu der Frage: "Warum sollte ich wählen, was hat das mit mir zu tun?". Hier muss es in der politischen Kultur zu einem Wandel kommen, der dem Bürger verdeutlicht, dass er mit seiner Stimmabgabe tatsächlich etwas bewirken kann. Das heißt aber auch, Menschen mit auf den Weg zur Entscheidung nehmen.

Wie schätzen Sie wirtschaftliche Lage Sachsen-Anhalts ein?

Die wirtschaftliche Entwicklung in Sachsen-Anhalt ist in den vergangenen Jahren sehr unterschiedlich verlaufen. So gibt es erhebliche Unterschiede zwischen einzelnen Regionen, aber auch Branchen. Hoffnungsvoll zum Beispiel ist die Entwicklung im Wissenschafts- und Forschungsbereich, wie wir ja hier in Halle gut sehen können.

Es ist aber noch nicht gelungen, die Folgen des Zusammenbruchs vor 20 Jahren und des damit einhergehenden Strukturwandels zu überwinden. Hieraus ergeben sich vielfältige Probleme, die von der massiven Abwanderung und veränderten Altersstruktur verstärkt werden. Dazu hat sich ein starker Niedriglohnsektor ausgebreitet und das vor allem in Branchen mit geringer Wertschöpfung. Daraus ist das Hauptproblem von Sachsen-Anhalts Wirtschaft abzuleiten, die Kaufkraft beträgt hier nur ein Bruchteil anderer Bundesländer.

Welches aktuell im Land laufende Projekt würden Sie gerne beschleunigt sehen und warum gerade dieses?

Von den Gesetzesprojekten der CDU geführten Landesregierung, möchte ich eigentlich keines beschleunigt, manches aber schnell zu den Akten gelegt sehen.

Aber als Hallenser wünsche ich mir die zügige Umsetzung von 2 Bauvorhaben, nämlich dem Geisteswissenschaftlichen Zentrum der Martin-Luther-Universität und den seit über 11 Jahren anstehenden Neubau des Finanzamtes Halle für dessen 450 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die Bürgerinnen und Bürger die sie aufsuchen.

Hat sich Ihr Blick auf das bürgerliche Engagement nach den Ereignissen um den Bau des Stuttgarter Bahnhofes ("Stuttgart 21") geändert?

Nein, aber ich habe mich gefreut, dass Bürgerinnen und Bürger hier das Heft des Handelns in die Hand genommen haben - ich wünsche mir mehr solches Engagement. Letztlich will ich ja nicht in den Landtag, um Politik über die Köpfe der Menschen hinweg zu machen, sondern mit ihnen gemeinsam nach dem besten Weg zu suchen.

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