„Ein Bürger ist nicht, wer bloß in der Gesellschaft lebt, ein Bürger ist, wer sie ändert.” Augusto Boal

Interview: Marco Tullner - CDU

Marco Tullner - CDU

Wie lange leben Sie schon in Sachsen-Anhalt?

Seit 1968.

Welche Ausbildung haben Sie?

  • 1987 Abitur
  • 1990-96 Studium Geschichte/Politikwissenschaft an der MLU
  • Historiker

Was ist Ihr Antrieb, politisch aktiv zu sein?

Seit meiner Schulzeit habe ich mich für Politik interessiert. Dieses Interesse war für mich später handlungsleitend, nach 1989 sowohl akademisch (Studium Geisteswissenschaft) als auch praktisch (CDU-Eintritt Februar 1991) intensiver "einzusteigen".

In den aufregenden Wochen und Monaten des Herbstes 1989 hatte ich zunächst vor allem SDP und andere neu gegründete Organisationen im Blick. Als dann jedoch die Frage der deutschen Einheit sehr schnell auf die politische Agenda kam, habe ich für mich die CDU und Helmut Kohl "entdeckt". Dessen konsequente Politik der Wiedervereinigung war letztlich auch Motiv für mich, Mitglied zu werden.
Mein Antrieb zu politischer Aktivität begründet sich in der Erwartung, mitgestalten zu können und zu wollen. Es macht Spaß, konkrete wie abstrakte Probleme unseres Gemeinwesens, sei es vor Ort in Halle, sei es im Fokus der Landespolitik anzugehen und nach Lösungen zu suchen. Dies sind dann meist langwierige, oft auch zähe Prozesse, in denen es gilt, sich zu informieren, unterschiedliche Interessen abzuwägen und dann Entscheidungen zu treffen.

Was glauben Sie, ist das dringendste Problem, das unser Bundesland heutzutage betrifft und wie kann es gelöst werden?

Unser Land muss "zukunftsfester" werden. Das bedeutet, Sachsen-Anhalt muss, gerade auch für junge Menschen als "Lebensstandort" noch attraktiver werden. Es muss uns noch besser gelingen, Perspektiven für kreative Ideen, für gut bezahlte Jobs und für ein modernes Bildungs- und Kulturland aufzuzeigen. Dafür die Rahmenbedingungen in sich absehbar verknappenden Finanzaustattungen zu schaffen, sehe ich als zentrale Aufgabe der Landespolitik in den kommenden Jahren an.

Wie beurteilen Sie die Aktion "Sachsen-Anhalt - Land der Frühaufsteher" und glauben Sie, dass diese Kampagne positive Effekte gehabt hat?

Die Kampagne "Sachsen-Anhalt - Land der Frühaufsteher" trifft meinen persönlichen Geschmack nicht. Das hängt u.a. mit meinen originären biologischen Gewohnheiten zusammen.

Unter der Prämisse jedoch, dass gute Werbung provozieren und Thema öffentlicher Diskurse sein kann, scheint der Ansatz erfolgreich zu sein. Ich werde z.B. von auswärtigen Kollegen und Freunden oft auf die Autobahnschilder angesprochen. Und Rainald Grebe hat es sogar Anlass für kreative Texte gegeben.

Was kann man gegen die niedrige Wahlbeteiligung in Sachsen-Anhalt machen?

Wahlbeteiligungen, niedrige zumal, werden oft als Gradmesser für Politikverdrossenheit wahrgenommen und diskutiert. Unsere offene Gesellschaft bietet jedem die Chance, sich politisch bzw. gesellschaftlich zu interessieren und auch zu engagieren. Eine immer mal wieder diskutierte sanktionierbare Verpflichtung, z.B. zur Ausübung des Wahlrechtes, lehne ich ab.

Alle politisch interessierten bzw. engagierten Bürgerinnen und Bürger, Institutionen und Einrichtungen sollten in den kommenden Wochen und Monaten dafür werben, zur Wahl zu gehen und zu entscheiden. Und auch dafür, nach den Wahlen weiter an politischen wie zivilgesellschaftlichen Diskursen teilzunehmen. In dieser Aktivierung der Öffentlichkeit sehe ich die zentrale Möglichkeit, für eine stärkere gesellschaftliche Teilhabe und damit auch für höhere Wahlbeteiligungen zu sorgen.

Wie schätzen Sie wirtschaftliche Lage Sachsen-Anhalts ein?

Deutschland insgesamt, aber auch Sachsen-Anhalt sind außerordentlich gut aus der Finanz- und Wirtschaftskrise herausgekommen. Unsere Wachstumsraten, die deutlich zurückgehende Arbeitslosigkeit und viele andere Parameter zeigen dies deutlich.

Wir haben, bedingt durch unsere geografische Lage und die erstarkenden Wirtschaftszweige, z.B. in der Chemie, im Maschinenbau oder in der Ernährungswirtschaft gute Chancen, in den kommenden Jahren zu vergleichbaren Wirtschaftsregionen in Deutschland und Europa aufzuschließen. Dazu muss es noch besser gelingen, mittelständische Strukturen auszubauen und, gemeinsam mit unseren Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen, Innovationspotentiale zu nutzen.

Welches aktuell im Land laufende Projekt würden Sie gerne beschleunigt sehen und warum gerade dieses?

Als Finanzpolitiker möchte ich, dass unser Land keine neuen Schulden mehr macht und die aufgelaufenen Schulden möglichst rasch abtragen kann. Je mehr wir diese Generationenaufgabe beschleunigen können, werden unsere Kinder und Enkelkinder wieder mehr Spielräume für eigene politische Vorstellungen bzw. Entscheidungen haben.

Für Halle wünsche ich mir eine beschleunigte Realisierung der großen innenstadtentlastenden Infrastrukturprojekte, wie. z.B. der Vollendung des mitteldeutschen Autobahnringes, der A 143 und der Europachaussee. Auch die zügige Realisierung der geplanten Neu- und Ausbauprojekte der Deutschen Bahn, (ICE-Neubaustrecke nach Erfurt/Nürnberg und der geplante Güterbahnhof) haben für die zukünftige Entwicklung Halles als Verkehrsdrehscheibe eine große Bedeutung.
Und ich freue mich auf die Eröffnung des neuen Hauptsitzes der Leopoldina auf dem Jägerberg und den Gewinn des Titels "Stadt der Wissenschaft".

Welches ist Ihr wichtigstes persönliches Ziel, das Sie umsetzen wollen, wenn Sie ein Mandat für den Landtag erhalten?

Halle braucht eine starke Interessenvertretung in Magdeburg. Die sich verkleinernden Spielräume für landespolitische Entscheidungen gilt es im Interesse unserer Stadt zu nutzen. Halle als das Zentrum für Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur in Sachsen-Anhalt muss weiter gestärkt werden.

Die kreativen Potentiale unserer Stadt dabei besser zu vernetzen, gemeinsame Anstrengungen zur Aktivierung einer selbstbewussten Bürgerschaft zu unternehmen, ist eines meiner Ziele.

Ich sehe die Ausübung meines Mandates weniger in der Motivation begründet, vordergründig persönliche Ziele zu verfolgen. Ich möchte vielmehr meinen Beitrag für eine weitere positive Entwicklung unserer Heimatstadt leisten.

Hat sich Ihr Blick auf das bürgerliche Engagement nach den Ereignissen um den Bau des Stuttgarter Bahnhofes ("Stuttgart 21") geändert?

Nein. Es hat mich in meiner Perspektive bestärkt, dass wir die repräsentative Demokratie in ihren Formen der politischen Arbeit und ihrer Kommunikation weiterentwickeln müssen.

Ich habe große Hoffnung, dass hierzu die modernen Kommunikationsplattformen des Web 2.0 einen großen Beitrag leisten können. Wir müssen die Partizipationsmöglichkeiten unserer Demokratie kritisch würdigen. Eine grundlegende Abkehr von der repräsentativen Demokratie lehne ich jedoch ab. Eines ist sicher: Ein lebendiges demokratisches Gemeinwesen braucht mehr aktive und selbstbewusste Bürgerinnen und Bürger.

© 2004 – 2018 halle-waehlt.de