„Ein Bürger ist nicht, wer bloß in der Gesellschaft lebt, ein Bürger ist, wer sie ändert.” Augusto Boal

Interview: Hendrik Lange - Die Linke

Hendrik Lange - Die Linke

Wie lange leben Sie schon in Sachsen-Anhalt?

Ich bin in Sachsen-Anhalt geboren und hier geblieben.

Welche Ausbildung haben Sie?

Ich habe mein Studium an der Martin-Luther-Universität als Diplom-Biologe abgeschlossen.

Was ist Ihr Antrieb, politisch aktiv zu sein?

Erstmal politisch aktiv wurde ich in den Studierendenstreiks 1997. Die Hochschulpolitik hat mich seitdem begleitet. Ich habe aktiv Proteste gegen die Kürzungen der Hochschulen durch die Landesregierungen organisiert und mich in den Gremien der Universität aktiv beteiligt. In dieser Arbeit ist auch meine Kritik gegenüber den gesellschaftlichen Verhältnissen gewachsen - besonders gegenüber der zunehmenden sozialen Spaltung.Die Überzeugung, dass man dagegen auch etwas in den Institutionen machen muss hat mich zu Eintritt in die PDS bewegt.

Was glauben Sie, ist das dringendste Problem, das unser Bundesland heutzutage betrifft und wie kann es gelöst werden?

Es gibt natürlich viele Probleme, die dringlich gelöst werden müssen. Aber alle spiegeln sich im demographischen Wandel wieder. So bildet Abwanderung der Jungen und gut Ausgebildeteten die Unzufridenheit mit ihren Entwicklungschancen ab. Sei es ein Mangel an Arbeitsplätzen, das Lohngefälle oder das geringer werdende Angebot, welches Land und Kommunen aus finanziellen Gründen vorhalten. Gleichzeitig verschärft sich die soziale Spaltung.
Wenn die Einnahmen des Landes bis 2020 sich tatsächlich um fast ein Drittel veringern, werden die Probleme wachsen. Deswegen gilt es auf Bundesebene schnellstmöglich umzusteuern und den Einfluss im Bundesrat zu nutzen. Aber auch unter den derzeitigen Rahmenbedingungen gilt es politikfähig zu sein. Deswegen konzentriert sich meine Partei auf die Bildungsungerechtigkeit und die optimale Förderung von Kindern und Jugendlichen. Das drückt sich in der Forderung nach einem Ganztagsplatz in der KiTa für alle Kinder, nach dem längeren gemeinsamen Lernen in einer Schule für Alle und nach einem gebührenfreien Studium in gut ausgestatteten Hochschulen aus.
Und die Kommunen müssen in der finanziellen Lage sein, ihre Aufgaben auch erfüllen zu können. Dazu gehören besonders auch die sogenannten freiwilligen Aufgaben wie Kultur, Jugendfreizeiteinrichtungen oder die Beratungsstellen.
Zudem muss die wirtschaftliche Entwicklung vorangetrieben werden. Dazu gehört eine Wissenschaftslandschaft, die innovative Ideen in die Wirtschaft transferiert, und eine Förderkultur, die diese Entwicklungen unterstützt.

Wie beurteilen Sie die Aktion "Sachsen-Anhalt - Land der Frühaufsteher" und glauben Sie, dass diese Kampagne positive Effekte gehabt hat?

Anfänglich fand ich die Kampagne zynisch gegenüber den Menschen, die täglich zum Arbeitsplatz pendeln. Sie hat auch zu spöttischen Bemerkungen bundesweit geführt (besonders gut zu hören in Grebes Lied über Sachsen-Anhalt).
Allerdings hat sie damit das Ziel erreicht, Aufmerksamkeit zu erregen. Perspektivisch sollte man einen neuen Slogan finden, der echte Vorzüge des Landes darstellt.

Was kann man gegen die niedrige Wahlbeteiligung in Sachsen-Anhalt machen?

Oftmal hört man im Gespräch mit BürgerInnen, das man selbst ja auch nichts ändern können. Der Eindruck, dass Sachzwänge einen politisch beschrittenen Weg alternativlos machen, frustriert viele. Deshalb müssen Politik und Medien die Alternativen deutlicher machen.
Die Menschen müssen wieder den Eindruck gewinnen, dass Politik ihre Probleme lösen kann. Dazu gehört aber auch die Bürgerbeteiligung bei politischen Entscheidungen. Außerdem glaube ich, dass der Kuschelwahlkampf zwischen SPD und CDU und das einschießen auf eine große Koalition den Eindruck vermitteln, die Wahl sei schon gelaufen. Das motiviert wenig, ein eigenes Votum abzugeben.

Wie schätzen Sie wirtschaftliche Lage Sachsen-Anhalts ein?

Die wirtschaftliche Lage ist durchwachsen. Es gibt Cluster und Branchen, die sich positiv entwickeln. Dazu gehört der Bereich der erneuerbaren Energien, die Chemieindustrie und der Automotivbereich sowie die Nahrungsmittelbranche.
Gleichzeitg liegen die Löhne noch weit unter dem Niveau der westlichen Bundesländer, ist Zeitarbeit zu untertariflicher Entlohnug für viele an der Tagesordnung und nimmt der Anteil derjenigen, die von ihrem Arbeitslohn nicht leben können und die dann vom Staat unterstützt werden müssen, zu.
Beispielhaft positiv ist die Entwicklung der Branche für erneuerbare Energien. Sie wurde durch politisch gesetzte Anreize stimuliert. Nun gilt es in diesem hochinnovativen Bereich die Forschung und Entwicklung voranzutreiben und auf Bundesebene zu verhindern, daß dieser Branche z. B. durch die Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke Schaden zugefügt wird.
Insgesamt ist die industrielle Forschung im Vergleich zu den westlichen Bundesländern zu gering ausgeprägt. Hier gilt es die Hochschul- und Wissenschaftslandschaft durch anwendungs- und transferorientierte Forschung zu nutzen, ohne dabei die Grundlagenforschung einzuschränken.
Zudem müssen die Bedingungen zur Berufsausbildung und zum Studium so sein, dass dem absehbaren Fachkräftemangel entgegengewirkt wird.
Die LINKE will künftig stärker die Cluster fördern und die Förderung von Ansiedlungen von der Zahlung von Löhnen abhäng machen, von denen man leben kann.

Welches aktuell im Land laufende Projekt würden Sie gerne beschleunigt sehen und warum gerade dieses?

Den Bau des Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Zentrum, des neuen Finanzamtes und die Erneuerung des Uniklinikums.

Welches ist Ihr wichtigstes persönliches Ziel, das Sie umsetzen wollen, wenn Sie ein Mandat für den Landtag erhalten?

Die Hochschul- und Wisschenschaftlandschaft zu erhalten und wenn möglich auszubauen. Dabei die Mitbestimmungsrechte aller an Wissenschaft Beteilgter zu verbessern und sicher zustellen, dass jeder gebührenfrei sein Studium bis zum Masterabschluss absolvieren kann.
Gleichrangig ist damit die Verbesserung der finanziellen Lage der Kommunen - dafür will ich mein Wissen als Stadtrat einsetzen.

Hat sich Ihr Blick auf das bürgerliche Engagement nach den Ereignissen um den Bau des Stuttgarter Bahnhofes ("Stuttgart 21") geändert?

Nein! Als einer der treibenden Mitorganisatoren großer Studierendenproteste weiß ich um die Kraft, die von bürgerschaftlichem Engagement ausgeht. Ich wünsche mir noch viel mehr davon.
Ich weiß aber auch von der Frustration, wenn diese Forderungen im politischen Raum nicht aufgeriffen werden. Hier sehe ich meine tägliche Verantwortung Politik für die Menschen zu machen - nicht gegen sie.

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