„Ein Bürger ist nicht, wer bloß in der Gesellschaft lebt, ein Bürger ist, wer sie ändert.” Augusto Boal

Interview: Claudia Dalbert - Die Grünen

Claudia Dalbert - Die Grünen

Wie lange leben Sie schon in Sachsen-Anhalt?

Ich lebe seit 1998 in Sachsen-Anhalt. Seitdem habe ich Land und Leute kennen und lieben gelernt. Sachsen-Anhalt ist zu meiner Wahlheimat geworden. Es ist hier nie weit bis zur nächsten Kulturerbestätte, um sich mit Geschichte und Kultur auseinanderzusetzen, oder bis zum nächsten Ruhepunkt in der Natur, wo ich ausspannen kann.

Die Sachsen-Anhalter kämpfen hart für ihren Erfolg und ich bin beeindruckt, wie sie den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturwandel gemeistert haben. Jeden Tag an der Universität erlebe ich hoch motivierte junge Menschen, die etwas bewegen wollen. Ich lebe unheimlich gern in diesem Land.

Welche Ausbildung haben Sie?

Ich bin Diplom-Psychologin und habe dann in Psychologie promoviert und habilitiert.

Was ist Ihr Antrieb, politisch aktiv zu sein?

In Sachsen-Anhalt liegt einiges im Argen. Ich möchte etwas für mein Land tun. Vor allem die Bildung unserer Kinder liegt mir am Herzen. Ich bin seit 12 Jahren in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern tätig. Daher weiß ich, dass wir in der Bildung besser und gerechter werden müssen, und dass wir dies auch mit vielen hoch motivierten Lehrerinnen und Lehrern im Lande schaffen können. So viel Schulabbrecher wie derzeit dürfen wir uns nicht leisten. Ich trete seit Jahren für eine Gemeinschaftsschule ein und möchte diese zusammen mit den Bürgerinnen und Bürgern aktiv politisch gestalten.

Was glauben Sie, ist das dringendste Problem, das unser Bundesland heutzutage betrifft und wie kann es gelöst werden?

Sachsen-Anhalt ist in der Bildung abgehängt, es gehört zu den Schlusslichtern in Sachen Lesekompetenz und zu den Spitzenreitern bei den Schulabbrechern, beim Sitzenbleiben und beim Auflösen von Ausbildungsverträgen. Wir haben eine blockierte Gesellschaft, in der Bildungschancen vom Geldbeutel und Bildungsgrad der Eltern abhängen.

Wir brauchen eine pädagogische Wende an unseren Schulen hin zu einem Klima, in dem Ermutigen und Befähigen statt Sortieren im Vordergrund steht. Jeder Schülerin und jedem Schüler soll ein individuelles Lernangebot gemacht werden. Wir müssen Schritte hin zu ganztägigen Gemeinschaftsschulen machen, in denen alle Kinder unabhängig von ihrer Herkunft Kompetenzen und Bildungsabschlüsse erwerben. Gute Bildung ist die beste Wirtschaftspolitik für unser Land.

Wie beurteilen Sie die Aktion "Sachsen-Anhalt - Land der Frühaufsteher" und glauben Sie, dass diese Kampagne positive Effekte gehabt hat?

Nein. Ich glaube, die Kampagne wurde meistens einfach nur belächelt. Sich als Sachsen-AnhalterIn zu fühlen, heißt doch nicht, früh aufzustehen! Unser Land hat ganz andere Kompetenzen, mit denen man werben kann: Die Erneuerbaren-Energien als Zukunftstechnologie, die Hochschulstandorte mit hervorragenden Ausbildungsbedingungen und renommierten Forschungseinrichtungen und die Orte, in denen Weltgeschichte geschrieben wurde - ich denke hier an die Lutherstädte oder die Nebra und seine Himmelsscheibe. Sachsen-Anhalt hat auch eine einzigartige Naturlandschaft zu bieten: von der Elbe als einem der letzten naturnahen Ströme Europas bis zum Harz.

Was kann man gegen die niedrige Wahlbeteiligung in Sachsen-Anhalt machen?

Die Menschen sind heute so mobilisiert wie nie, sie gehen gegen die Atomlaufzeitverlängerung, Stuttgart 21, für Datenschutz und gegen Dioxin im Essen auf die Straße, sie engagieren sich in Bürgerinitiativen gegen die Endlagerung von CO2 oder Massentierhaltung.

Viele Menschen, die nicht wählen gehen, sind nicht politikmüde, sondern sie haben die Nase voll von einer Politik, die von oben nach unten Entscheidungen durchdrückt und sich nicht um die Meinung der Bürgerinnen und Bürger schert. Diese BürgerInnen wollen ihre Stimme nicht abgeben, sondern sie wollen sie behalten und damit Politik gestalten! Wir brauchen daher dringend mehr Elemente direkter Demokratie, vom Bürgerhaushalt bis zu geringeren Hürden beim Volksentscheid.

Wie schätzen Sie wirtschaftliche Lage Sachsen-Anhalts ein?

Viele Unternehmen in Sachsen-Anhalt profitieren vom Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). In dieser Branche gibt es bereits gut 20.000 Arbeitsplätze. Das sind 14-mal mehr als in der Braunkohle, einem Wirtschaftszweig, der der Vergangenheit angehört. Das zeigt deutlich, in welch starkem Maße die Wirtschaft in unserem Land von Grüner Politik profitiert hat: Sowohl durch die Ausweisung von Flächen für Erneuerbare Energien im damaligen Landesentwicklungsplan durch die Grüne Umweltministerin Heidrun Heidecke als auch durch das EEG der rot-grünen Bundesregierung.

Darüber hinaus haben sich im Land innovative Unternehmen in hochproduktiven Branchen wie beispielsweise der chemischen Industrie, dem Maschinenbau und der Nahrungsmittelverarbeitung entwickelt. International beachtete Forschungseinrichtungen haben sich in unserem Land angesiedelt und die Studierendenzahlen an unseren Universitäten und Hochschulen sind kontinuierlich gestiegen.

In Sachsen-Anhalt hat sich damit eine beeindruckende Wandlung der Wirtschaftslandschaft vollzogen. Die Lage im Bundesvergleich zeigt aber, wie nötig weitere Anstrengungen sind. Nicht nur die Arbeitslosenquote ist viel zu hoch, sondern Sachsen-Anhalt ist auch ein Billiglohnland. Viele Menschen können von ihrer Arbeit nicht leben. Der Wirtschaftsaufschwung schlägt sich primär in einer Zunahme von Zeitarbeit sowie befristeten oder Teilzeitarbeitsverhältnissen nieder. Ein gesetzlicher Mindestlohn würde mehr Gerechtigkeit schaffen und gleichzeitig die Kaufkraft in unserem Land stärken.

Welches aktuell im Land laufende Projekt würden Sie gerne beschleunigt sehen und warum gerade dieses?

Der Ausbau der flächendeckenden Breitbandversorgung in ganz Sachsen-Anhalt muss beschleunigt werden. Schnelles Internet ist ein vernünftiges Infrastrukturprojekt für Lebensqualität und positives Geschäftsklima und muss schnell(er) umgesetzt werden. Ob über Funklösungen oder kabelgebundene Angebote – egal! - wir müssen die Grundlagen schaffen, um den Anteil der sachsen-anhaltischen Breitband-Nutzer über den Bundesdurchschnitt zu heben. Heute liegt er leider noch darunter. Diese dringende Notwendigkeit existiert sogar noch in unserer Stadt, wo in zu vielen Straßen noch kein schnelles Internet verfügbar ist.

Welches ist Ihr wichtigstes persönliches Ziel, das Sie umsetzen wollen, wenn Sie ein Mandat für den Landtag erhalten?

Mein persönliches Lebensthema ist die Gerechtigkeit und da gehört für mich die Bildungsgerechtigkeit ganz vorne dazu. Als Bildungspolitikerin wie auch Bildungswissenschaftlerin und Professorin sehe ich hier mein Wirkungsfeld für unsere Gesellschaft. Ich will unser Bildungssystem so weiter entwickeln, dass es alle Menschen bestmöglich befähigt, sich den Herausforderungen der Zukunft zu stellen.

Dazu müssen alle Bildungseinrichtungen so gestaltet und unterstützt werden, dass sie Kinder, SchülerInnen und Studierende gemäß ihrer individueller Interessen, Lerngeschwindigkeiten und Bedürfnisse fördern, sie auf lebenslanges Lernen vorbereiten und einen entscheidenden Erziehungsbeitrag dazu leisten, dass sich die SchülerInnen zu demokratischen MitbürgerInnen entwickeln. Ein wichtiger Baustein hierzu ist die Gemeinschaftsschule, die wir vor Ort gemeinsam mit den Kommunen, LehrerInnen, Eltern und SchülerInnen entwickeln möchten.

Hat sich Ihr Blick auf das bürgerliche Engagement nach den Ereignissen um den Bau des Stuttgarter Bahnhofes ("Stuttgart 21") geändert?

Nein, mein Verständnis des mündigen und selbstbestimmten Bürgers hat sich bestätigt. Ein durch demokratische Wahl verliehenes Mandat entbindet nicht von der Verpflichtung mit den Bürgerinnen und Bürgern in ständigem argumentativen Austausch zu stehen, Politik stets aufs Neue zu diskutieren und gegebenenfalls  auch neu zu justieren. Die "Basta-Politik" der alten Herren von gestern sollte endgültig vorbei sein - bürgerlich war sie nie.

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