„Ein Bürger ist nicht, wer bloß in der Gesellschaft lebt, ein Bürger ist, wer sie ändert.” Augusto Boal

Roman Ladig (parteilos)

Wie lange leben Sie schon in Sachsen-Anhalt?

Ich lebe in Sachsen-Anhalt seit dem ich 1998 nach Halle gekommen bin, um hier Biologie zu studieren.

Auf welche Ausbildung blicken Sie zurück?

Ich bin seit 2005 Diplom Biologe und habe einen Doktor in den Naturwissenschaften auf einem proteinbiochemischen Thema 2011 nachgeschoben.

Wie sind Sie zur Politik gekommen?

Ich bin im Spannungsfeld zwischen Sozialismus und Kapitalismus groß geworden, meine Eltern haben mich atheistisch, naturwissenschaftlich geprägt. Ich war bis Anfang der 2000er Jahre eher unpolitisch, bis ich mich in die Hochschulpolitik einbrachte. Die mangelnde Finanzierung und der damit einhergehende Bildungs- und Bedeutungsverlust der universitären Einrichtungen war ein wichtiger Motivator für meine Politisierung. Vollends politisch wurde ich im Zuge der Debatte um Vorratsdatenspeicherung und das Zugangserschwerungsgesetz 2008/2009.

Was treibt Sie an?

Ich bin politisch aktiv, da ich die festgefahrene Parteienpolitik auflösen möchte. Parteipolitik ist Machtpolitik und diese versagt immer mehr. Es geht nicht mehr um die Sache, sondern darum, aus welcher Partei Inhalte kommen. Und darum, ob Parteien oder Personen glaubwürdig seien.

Politik hat mMn nichts mit Glauben zu tun, sondern darum, sachlich, konstruktiv konsensfähige Positionen zu erarbeiten. Die aktuellen strukturellen Mängel im parlamentarischen System sind:

  • zu große Distanz zwischen Bürger und Abgeordneter
  • Politik vorbei am aktuellen gesellschaftlichen Diskussionsstand
  • Politik aufgrund von Glauben statt Wissen (Dogmatismus)

Diese strukturellen Mängel zu beseitigen und das Parlament bzw. die Kommunalpolitik wieder an das gesellschaftliche Entwicklungstempo anzupassen, sodass wieder "Gesetze auf Augenhöhe mit dem Zahn der Zeit" gemacht werden können, sehe ich als meine allerwichtigste Aufgabe an.

Programmatische Inhalte stelle ich dem unter, weil ich der Meinung bin, dass in einem Parlament auf Höhe der Zeit Entwicklungen der Gesellschaft einfacher und schneller umgesetzt werden können.

Was haben Sie sich im Falle einer Wahl zum Stadtratsmitglied vorgenommen?

In Zeiten von Bürgerhaushalt und Internet werde ich als Abgeordneter mit meinen Mitbürgern in Kontakt stehen. Parteiunabhängig und dauerhaft. Direkt z.B. über einen Weblog, welcher Ihre Anträge und Anfragen aufnimmt und auch über Flurgespräche, Ergebnisse von Ausschusssitzungen und natürlich Hinterzimmerpolitik berichtet. Ich bin damit ihre Schnittstelle in den Stadtrat - benutzen Sie mich!

Welche Perspektive und Rolle hat die Stadt Halle in Sachsen-Anhalt?

Halles Rolle in Sachsen-Anhalt ist ganz klar die Bildungs- und Kulturhauptstadt. Dies muss immer wieder betont und im Zuge der Kürzungsdiskussion auch bedacht werden. Halle braucht die Uni und auch eine breite Kulturlandschaft.

Ein "weiter so" im Bundes- und Landessparkurs wird Halle mittelfristig unattraktiv und handlungsunfähig machen. Darüber hinaus braucht Halle mehr Mut für innovative Politik, um überregional zu Punkten. Ich möchte einen fahrscheinlosen und umlagefinanzierten ÖPNV, der kein Berechtigungsdokument benötigt. Wie das funktionieren soll? Alle Hallenser bezahlen mehr oder weniger einen Zusatzbetrag von ca. 10 Euro monatlich. Der Stadtsäckel von Halle wird entlastet und revanchiert sich durch mehr Investitionen in anderen Bereichen. 

Ein fahrscheinloser ÖPNV erhöht die Fahrgastzahlen, vielen werden vom Auto auf Tram und Bus umsteigen. So wird der Verkehr in der Innenstadt abnehmen und die Lebensqualität steigen. Sozusagen "Schwarzfahren" für die Stadt und die Umwelt.

Wie gesagt, ein "weiter so" wird Halle nicht vorwärts bringen.

Und wie wollen Sie die Weiterentwicklung der Stadt unterstützen?

Städte wie Potsdam und Pforzheim machen es vor: Kostenloses WLAN im Stadtgebiet ist machbar und bringt die Kommune voran. Durch ein Bündnis von Handel und unabhängigen Initiativen wird ein flächendeckendes kostenfreies Internet zur Verfügung gestellt und der Tourismus- und Wirtschaftsstandort Halle (Saale) gestärkt. In Ergänzung zum privaten Internet heißt es dann "Willkommen im Halloren-Netz!"

Was denken Sie über die von der Landesregierung geplanten Einschnitte im Bildungs- und Kulturbereich?

Die Landesregierung sollte bitte endlich anfangen, nach oben zu treten, anstatt die drohende eigene Handlungsunfähigkeit auf Kosten der Kommunen in die Zukunft zu verschieben.

Sachsen-Anhalt, wie generell strukturschwache Länder, braucht mehr Geld vom Bund und/oder aus dem Länderfinanzausgleich. Etatsparen hat noch kein Land oder Region aus dem eigenen Mangel befreit.

Wie sehen Sie die Zukunft Halle-Neustadts?

Mittels Rückbau und verbesserte ÖPNV-Anbindung wird der Standort Neustadt jetzt schon aufgewertet. Wichtig sind jetzt vor allem ein stabiles mittleres Mietniveau und zusätzlich eine Vergrößerung des Angebotes an preislich unterschiedlichen Wohneinheiten, um Neustadt für alle Bevölkerungsschichten interessant zu machen. Nicht zuletzt verbessert sich durch diese Vermischung die Lebensqualität für alle Halle-Neustädter.

Zum Abschluss noch eine kleine Frage, der Sommer steht vor der Tür: Welches ist ihr Lieblingsplatz in Halle?

Im Sommer ganz klar der Heidesee. Ansonsten der Bereich rund um die Saale nördlich der Peissnitz (Kröllwitz, Klausberge, Kreuzvorwerk) und die Heide.

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