„Ein Bürger ist nicht, wer bloß in der Gesellschaft lebt, ein Bürger ist, wer sie ändert.” Augusto Boal

Martin Bochmann (DIE PARTEI)

Wie lange leben Sie schon in Sachsen-Anhalt?

Seit dem 3. Oktober 1990, 0.00 Uhr. In diesem Augenblick wurde der vergessene Farbfilm wiederentdeckt. Vorher lebte ich in der DDR im Bezirk Halle, und da war bekanntlich alles nur schwarz/weiß.

Auf welche Ausbildung blicken Sie zurück?

POS "N. K. Krupskaja", POS "A. H. Francke", EOS "A. H. Francke" (später in "Latrina" umbenannt), MLU Halle, KMU Leipzig (hieß zu meinen Studienzeiten auch schon anders, glaube ich), SAE Institute Leipzig. Manches davon sogar mit Abschluß.

Parallel dazu immer eine solide musikalische Ausbildung, seit der Pubertät mit dem Schwerpunkt auf sehr lauter Krachmusik.

Wie sind Sie zur Politik gekommen?

Wie viele meiner Generation durch die Brüche 1989. An einer extrem politisierten Schule wie meiner (und lustigerweise nicht im Sinne der SED politisiert!) war Opposition gegen verkrustete Strukturen quasi Pflicht.

Später war ich dann in Jugendorganisationen einer sehr, sehr alten Partei aktiv, denn neue alte verkrustete Strukturen aus den gebrauchten Bundesländern drohten, sich durchzusetzen.

Was treibt Sie an?

Der Spaß an der Politik, den ich auch nach so vielen Jahren nicht verloren habe. Trotzdem habe ich nicht vor, Spaßpolitik zu betreiben. Das überlasse ich gern anderen, besser dafür qualifizierten Spaßparteien.

Was haben Sie sich im Falle einer Wahl zum Stadtratsmitglied vorgenommen?

Ich bedanke mich für diese Frage, ich habe sie mir übrigens selbst schon gestellt.

Mit mir hätte der Stadtrat eine Chance, ein bißchen weniger irre zu werden. Ernsthafte Satire sollte man eben den Profis überlassen, anstatt stümperhaft zu versuchen, absurde Entscheidungen im Nachhinein zu begründen. Ich werde absurde Anträge schon im Vorfeld sachlich begründen.

Welche Perspektive und Rolle hat die Stadt Halle in Sachsen-Anhalt?

Halle ist eine Stadt in Sachsen-Anhalt, dieses Faktum läßt sich längst nicht mehr ignorieren. Halle spielt deshalb auch eine Rolle in der Entwicklung des Landes, es ist nur noch nicht klar, ob es eine Vorwärts- oder Rückwärtsrolle ist. Die Perspektive Halles ist schwer vorherzusagen, da es sich dabei um Ereignisse in der Zukunft handelt und meine Glaskugel leider gerade kaputt ist.

Und wie wollen Sie die Weiterentwicklung der Stadt unterstützen?

Ich bedanke mich auch für diese Frage.

Ich sehe die Zukunft Halles nicht in der Stahlverhüttungsindustrie! Die regionale weiterverarbeitende Industrie, die sich gerade bei der Herstellung von Flachzangen hervorgetan hat, sollte dennoch weiter unterstützt werden. Halles Flachzangen sollen weiterhin die flachsten Deutschlands bleiben!

Was denken Sie über die von der Landesregierung geplanten Einschnitte im Bildungs- und Kulturbereich?

"Denken" empfinde ich in diesem Zusammenhang als ein durchaus unzutreffendes Verb. 

Kulturgelder müssen gerechter verteilt werden! Eine einzige Opernkarte wird in Halle mit über 150,- Euro subventioniert. Ich kenne Punk-Bands, die über eine Gesamtgage von 150 Ocken für alle Musiker zusammen an einem Abend froh wären!

Also müssen wir, gerade in Zeiten knapper Kassen, die vorhandenen Mittel besser verteilen. Das bedeutet natürlich, Jugend und Subkultur zu fördern. Ich werde mich für eine schnellstmögliche Abwicklung des Opernhauses einsetzen. Für die Nachnutzung bietet sich die Umwandlung in ein innerstädtisches Spaßbad an. Das würde auch einigen der jetzt noch dort Beschäftigten eine sinnvolle Berufsperspektive ermöglichen. Bratschisten werden allerdings nicht als Bademeister eingestellt, sie wären im Ernstfall zu langsam.

Die freigesetzten Gelder werden dann nach dem politisch bewährten "Gießkannen-Prinzip" auf Underground-, Rock'n Roll-, Punk-, Theater- und auch diverse Gaga-Projekte verteilt.

Wie sehen Sie die Zukunft Halle-Neustadts?

Ich sehe Halle-Neustadt als eine stolze, souveräne Stadt, unabhängig von Halle.

Die Bürger der Stadt Halle-Neustadt sollen endlich selbst über ihre Belange frei entscheiden können. Mit einem Rathaus, was endlich einmal seiner wirklichen Bestimmung zugeführt werden kann. Das Gebäude dafür ist ja nun auch fertiggestellt, und das ganz ohne die Hilfe von Hartmut Mehdorn!

An der Grenze zwischen Halle und Halle-Neustadt wird es mit mir aber keinen Schießbefehl geben, darauf gebe ich der gesamten deutschen Öffentlichkeit mein Ehrenwort, ich wiederhole: Mein Ehrenwort!

Zum Abschluss noch eine kleine Frage, der Sommer steht vor der Tür: Welches ist ihr Lieblingsplatz in Halle?

Welches Platz in Halle mein Lieblingsplatz ist, kann leicht beantwortet werden: Überall! Vorausgesetzt, ich habe einen bequemen Barhocker, bezahlbares Bier und kann eine leckere Fluppe rauchen. Ein WLAN-Zugang macht mich dann endgültig glücklich.

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