„Ein Bürger ist nicht, wer bloß in der Gesellschaft lebt, ein Bürger ist, wer sie ändert.” Augusto Boal

Dr. Sebastian Kranich (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Wie lange leben Sie schon in Sachsen-Anhalt?

1999 bin ich von der TU Dresden an die MLU Halle gekommen, um hier als Wissenschaftler zu arbeiten. Das war allerdings nicht mein erster Kontakt mit der Region. 1988/89 habe ich als NVA-Bausoldat in den Leunawerken gearbeitet. Stationiert war ich damals in Merseburg. Als gebürtiger Dresdner fühle ich mich in Halle heimisch.

Auf welche Ausbildung blicken Sie zurück?

Ich verzichte auf einen "wissenschaftlichen Lebenslauf" und nenne Stichpunkte: Abitur an der Kreuzschule Dresden. Theologiestudium und Vikariat (Praxisausbildung für Pfarrer) in Leipzig. Als Wissenschaftler lehrend und immer weiter lernend an den Universitäten Dresden, Halle und Heidelberg. Promotion 2005 an der halleschen Theologischen Fakultät. Viel gelernt habe ich aber auch als Bausoldat in der Chemie und der Braunkohle, als Hilfspfleger in einem Weimarer Pflegeheim und 1997 als Sachbearbeiter für Verkehrsorganisation beim Kirchentag in Leipzig und Halle.

Wie sind Sie zur Politik gekommen?

Am Anfang stand die unabhängige Friedensbewegung unter dem Dach der Kirche in der DDR. Mit 13 Jahren habe auch ich den Aufnäher "Schwerter zu Pflugscharen" getragen. 1988 bin ich der oppositionellen Gruppe "Gewaltlos leben" beigetreten. Als Bausoldat in der NVA habe ich erlebt, wie wertvoll das Recht auf Meinungsfreiheit ist und wie rücksichtslos mit der Umwelt und der Gesundheit der Menschen im Chemiedreieck und in der Braunkohle umgegangen wurde.

Mein Engagement für die Grüne Partei seit Januar 1990 war daher kein Zufall. Wie für viele junge Leute damals ist für mich die Friedliche Revolution ein Schlüsselerlebnis gewesen. Seit 2011 bin ich im Stadtvorstand von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN in Halle, seit 2013 Stadtvorsitzender. Im vergangenen Jahre habe ich als Direktkandidat im Wahlkreis Halle für den Bundestag kandidiert. Als Mitglied der erweiterten Fraktion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und als Sachkundigem Einwohner im Sozial-, Gesundheits- und Gleichstellungsausschuss ist der Stadtrat für mich kein Neuland.

Was treibt Sie an?

Die Lust am Arbeiten und am Leben. Ich will etwas zustande bringen - als Wissenschaftler und in der Politik. Als Theologe setze ich meinen Konfirmationsspruch dazu: "Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit."

Was haben Sie sich im Falle einer Wahl zum Stadtratsmitglied vorgenommen?

Ich will konstruktive grüne Politik für eine weltoffene, vielfältige, lebendige und liebenswerte Stadt machen. Halle kann mehr aus sich machen, als manche Miesmacher für möglich halten. Hier geht noch was!

Als Stadtvorsitzender habe ich einen ganz guten Überblick darüber, was in Halle so läuft und rede mit vielen Leuten. Das will ich nach meiner Wahl weiterhin so halten. Ich mache nicht so gern Politik für die Bürgerin und den Bürger, sondern lieber mit ihnen. Für die konkreten politischen Vorhaben sei auf unser Wahlprogramm 2014-2019 verwiesen.

Welche Perspektive und Rolle hat die Stadt Halle in Sachsen-Anhalt?

Halle ist die Kulturhauptstadt Sachsen-Anhalts und strahlt als Stadt von Forschung und Wissenschaft weit über die Landesgrenzen hinaus. Darauf müssen wir weiter setzen. Halle ist aber auch Sportstadt und ein wichtiger Wirtschaftsstandort. Hier gilt es an die gewachsenen Stärken anzuknüpfen, das Erreichte zu sichern und zu modernisieren.

Der Weinbergcampus zeigt: Biotechnologie und Informatik sind Zukunftsbranchen, wo die Potentiale unserer Stadt liegen. Als grünste Großstadt Deutschlands mit einer Altbausubstanz, um die uns andere im Krieg stark zerstörte Städte beneiden, besitzt Halle eine Lebensqualität, die immer stärker zum Vorschein kommt. Entscheidend wird sein, dass wir jungen Menschen und Familien hier ein noch besseres Lebensumfeld schaffen, damit Halle die größte Stadt in Sachsen-Anhalt bleibt.

Und wie wollen Sie die Weiterentwicklung der Stadt unterstützen?

"Das haben wir schon immer so gemacht": Diese Haltung ist von gestern. Eine vernünftige, vorausschauende Politik braucht neue, intelligente Konzepte. Wir Grünen denken über den Tag hinaus und ecken damit manchmal an. Als treibende Kraft sind wir im Stadtrat deshalb ebenso wichtig wie als Widerlager gegen Unsinn - z. B. gegen den geplanten Abriss des Künstlerhauses 188 oder die völlig überdimensionierten Planungen am Hufeisensee.

Was denken Sie über die von der Landesregierung geplanten Einschnitte im Bildungs- und Kulturbereich?

Was CDU und SPD in Magdeburg veranstalten ist eine Katastrophe. Sie gefährden die Zukunft des Landes und unserer Stadt. Seit über einem Jahr stemme ich mich als Bürger dieser Stadt, als grüner Stadtvorsitzender, als Bundestags- und nun als Stadtratskandidat dagegen.

Ich bin beeindruckt vom Engagement der Studierenden, der Künstler, der Hallenserinnen und Hallenser gegen die unbegreifliche Unvernunft und blanke Sturheit der Landesregierung. Ich verspreche, auch im Stadtrat unverdrossen gegen die planlosen Einschnitte zu kämpfen.

Wie sehen Sie die Zukunft Halle-Neustadts?

Halle-Neustadt ist im Kommen. Als ich 1999 nach Halle gezogen bin, sah das noch anders aus. Jetzt entdecken viele den Reiz dieser einst eigenständigen Stadt. Architekten loben die Architektur, vorurteilsfreie Studierende ziehen in "die Platte". Diese Entwicklung gilt es zu unterstützen. Halle-Neustadt verdient noch mehr Stadtteilkultur und eine anständige Kneipenmeile. Punkten kann Halle-Neustadt mit ruhigen Wohnlagen und viel Grün.

Zum Abschluss noch eine kleine Frage, der Sommer steht vor der Tür: Welches ist ihr Lieblingsplatz in Halle?

Zum Ausgleich: Der Kleingarten am Thüringer Bahnhof.

Um zu mir selbst zu kommen: Die Marktkirche.

Zum Treff mit Freunden: Die Mojo-Bluesbar.

Zum Eisessen: Der Marktplatz.

Zum Baden: Der Hufeisensee.

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